Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
  1. Frauen NRW

Redaktionelle Beiträge

Die ersten Wissenschaftlerinnen schließen sich zusammen

In den siebziger Jahren wurden im Zuge der so genannten "Neuen Frauenbewegung" in Nordrhein-Westfalen die ersten Frauenseminare an den Universitäten abgehalten, die den Grundstein für die Frauenforschung bildeten. An der Universität Dortmund bot zum Beispiel die Sozialwissenschaftlerin und Professorin Sigrid Metz-Göckel im Wintersemester 1976/77 ein Frauenseminar mit dem Titel "Frauen und Wissenschaft" an. Die Initiative ging dabei sowohl von Studentinnen als auch Wissenschaftlerinnen aus. An der Universität Bielefeld erreichten Studentinnen und Wissenschaftlerinnen gemeinsam durch Hearings und Aktionen die Einrichtung einer "Geschäftsstelle Frauenforschung". Ab 1980 wurde sie aus Mitteln des Rektorats sowie des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums finanziert und sollte einen "Universitätsschwerpunkt Frauenforschung" vorbereiten. Später wurde daraus das "Interdisziplinäre Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung" (IFF).

Um auch Frauen ohne Hochschulzugangsberechtigung die Hochschule zu öffnen, veranstaltete Metz-Göckel zusammen mit anderen Frauen an der Universität Dortmund 1979 das "Frauenforum im Revier". Mehrere tausend Frauen sahen so zum ersten Mal eine Universität von innen und beschäftigten sich mit dem Thema "Frauen begreifen ihren Alltag". Es folgten vier weitere Frauenforen, aber bereits aus dem ersten entstand die Idee, ein Weiterbildungsangebot für Familienfrauen zu entwickeln. Die "Frauenstudien" wurden nach einem längeren Prozess 1981 offiziell an der Universität Dortmund eingerichtet.

Anfang der 80er Jahre gab es inzwischen so viele Frauen als Lehrende an den Universitäten in Nordrhein-Westfalen, dass 1981 der "Arbeitskreis Wissenschaftlerinnen NRW" ins Leben gerufen wurde. Er entstand aus der Veranstaltung "Lehrende und Lernende an den Hochschulen", zu der Sigrid Metz-Göckel als Leiterin des Hochschuldidaktischen Zentrums an der Universität Dortmund Wissenschaftlerinnen eingeladen hatte. Es kamen 50 Frauen, die sich weniger über akademisches Lehren und Lernen austauschten, als vielmehr über ihre persönliche Arbeitsplatzsituation und -perspektive. Die Wissenschaftlerinnen beschlossen, sich weiterhin zu treffen und etwas zur Verbesserung ihrer Situation zu unternehmen. Als Logo für ihre Organisation wählten sie eine Eule mit Doktorhut im Frauenzeichen.

"Der Arbeitskreis Wissenschaftlerinnen NRW", so schrieb Sigrid Metz-Göckel 2006 in der Zeitschriftbeiträge zur feministischen theorie und praxis', "hat die Frauenhochschulpolitik der 1980er und 1990er Jahre in Nordrhein-Westfalen maßgeblich mitgestaltet, indem er die Hochschulen mit der Neuen Frauenbewegung konfrontiert und Wissenschaftlerinnen als Akteurinnen auf die politische Bühne gebracht hat". Im Zentrum der politischen Aktivität des Arbeitskreises standen regelmäßige Gespräche mit dem zuständigen Wissenschaftsminister bzw. der zuständigen Ministerin.

Frauenhochschulbewegung und Frauenforschung gehen eigene Wege

Mit seinen beiden Zielen, Frauenforschung an den Hochschulen zu initiieren und zu institutionalisieren sowie Frauen an den Hochschulen auf allen Ebenen zu fördern, unterschied der Arbeitskreis auch zwischen Hochschulpolitik und Frauenforschung und bereitete so den Weg für zwei bedeutende Netzwerke. 1986 wurde das "Netzwerk Frauenforschung NRW" gegründet mit dem Ziel, die Frauen- und Geschlechterforschung in Nordrhein-Westfalen zu vernetzen und zu fördern. Die Gleichstellung an den Hochschulen voranzubringen, ist dagegen das Ziel der "Landeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten NRW" (LaKoF), die 1989 von Frauenbeauftragten und Personalrätinnen ins Leben gerufen wurde.

Zu Beginn der politischen Aktivitäten von Wissenschaftlerinnen bestand eine enge Verbindung zwischen Frauenhochschulbewegung und Frauenforschung, denn mit den Erkenntnissen der Frauenforschung untermauerten die Wissenschaftlerinnen ihre Forderungen. Die Wissenschaftlerinnen, die sich dem neuen Forschungsgebiet der Frauenforschung zugewandt hatten, übten inhaltliche Kritik an den Forschungen und Arbeitsweisen der etablierten Disziplinen und favorisierten eine problemorientierte Strukturierung der Fachgebiete gegenüber der vorherrschenden Einteilung. Von Anfang an forschten sie daher interdisziplinär.

Das Netzwerk Frauenforschung NRW

Insbesondere unter der Wissenschaftsministerin Anke Brunn wurden über die Hochschulsonderprogramme von Bund und Ländern eine Reihe von Frauenprofessuren in Nordrhein-Westfalen eingerichtet. Von Anfang an stand fest, dass diese über ein Netzwerk miteinander verbunden sein sollten. Der Startschuss für das "Netzwerk Frauenforschung NRW" fiel mit der Einrichtung einer Professur für Frauengeschichte an der Universität Bonn. Nach und nach kamen an 21 Hochschulen des Landes 40 weitere, neu geschaffene Frauenforschungs-Professuren in unterschiedlichen Disziplinen dazu. Beteiligt sind heute Wissenschaftlerinnen aus den Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Geistes- und Kulturwissenschaften und den Human- und Ingenieurwissenschaften. Sie lehren an Universitäten und Fachhochschulen. Auch eine Professur an der Sporthochschule Köln sowie an der Musikhochschule Detmold gehören zum Netzwerk. Wissenschaftlerinnen, die sich auf "normalen" Professuren der Frauen- und Geschlechterforschung widmen sowie Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen sind dem Netzwerk ebenfalls beigetreten. Derzeit hat das Netzwerk rund 160 Mitglieder, davon 60 Professorinnen. Es ist damit deutschlandweit das dichteste regionale Frauenforschungs-Netzwerk.

Ein tatsächliches Netzwerk war mit der Besetzung der Professuren natürlich noch nicht entstanden. Die Mitglieder mussten es erst knüpfen. Dieser Prozess kam erst mit der Einrichtung einer Koordinationsstelle an der Universität Dortmund in Gang. Die Bielefelder Netzwerkprofessorin Dr. Ursula Müller hatte die entscheidenden institutionellen Anstöße dazu gegeben. Heute sind Prof'in Dr. Ruth Becker und Dr. Beate Kortendiek die Ansprechpartnerinnen in der Koordinationsstelle. Sie organisieren wissenschaftliche Tagungen und hochschulpolitische Workshops und unterstützen interdisziplinäre Kooperationsprojekte.

Die beginnenden Verknüpfungen zwischen den Netzwerkprofessorinnen mündeten ab Mitte der 90er Jahre in eine Reihe von Kooperationsprojekten:

Wichtige Projekte der Koordinationsstelle sind eine Datenbank zu Kinderbetreuungsangeboten an den nordrhein-westfälischen Hochschulen oder eine Handreichung zur Integration von Gender-Aspekten in die Akkreditierungsverfahren für gestufte Studiengänge (s.u.). Die Koordinationsstelle des Netzwerks organisiert zudem Jahrestagungen zur Frauen- und Geschlechterforschung. 2005 ging es um "Multidisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung", 2006 lautete das Thema "Gender und Kulturen = Genderkulturen", 2007 "Gesundheit und Geschlecht", 2008 "Die F-Frage - Frauen, Feminismus, Forschung" und 2009 "Drinnen und Draußen - vergeschlechtlichte Räume und widerständige Praktiken".

Themen und Fragestellungen

Nachdem die erste Frauenforschungsprofessur der "Frauengeschichte" gewidmet war, befassten sich die nächsten vom nordrhein-westfälischen Forschungsministerium eingerichteten Professuren mit "Sozialwissenschaftlicher Frauenforschung" (Universität Bielefeld) und "Allgemeiner und vergleichender Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt literaturwissenschaftliche und historische Frauenforschung" (Universität Paderborn).

Inzwischen gibt es fast keine wissenschaftliche Disziplin und kein gesellschaftlich relevantes Thema mehr, zu dem die Frauen- und Geschlechterforschung keine neuen Erkenntnisse beigetragen hat. Die Fragen, mit denen sich die Frauenforscherinnen beschäftigen, reichen von Globalisierung und Migration über Architektur und Umwelt bis hin zu Sport und Gesundheit. Dabei zielt die Frauen- und Geschlechterforschung darauf ab, blinde Flecken in der jeweiligen Fachdisziplin aufzudecken und diese weiterzuentwickeln sowie durch interdisziplinäre Ansätze neue Sichtweisen zu eröffnen.

Einzelne Beispiele sind

Behinderung
Prof'in Dr. Ulrike Schildmann, TU Dortmund, hat NRW-weit untersucht, wie der Lebensalltag von behinderten jungen Frauen bzw. Mädchen aussieht und welche Anforderungen für die Identitätsfindung daraus resultieren. Mehr...

Häusliche Pflege
Dr. Katharina Gröning, Universität Bielefeld, ist bei ihren Forschungen zur Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege zu dem Ergebnis gekommen, dass die Solidarität zwischen den Generationen nur mit einer Solidarität zwischen den Geschlechtern möglich ist. Eine geschlechtergerechte Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau würde auch die häusliche Pflege, die bislang eher Frauensache ist, verändern und so die Generationensolidarität fördern. Mehr...

Gynäkologie
Dr. Anke Rhode, Universität Bonn, beschäftigt sich mit Schwangerschaften und Entbindungen, die Frauen als traumatisch erlebt haben. Für Patientinnen mit Brust- oder Eierstockkrebs hat sie eine Kurzzeittherapie entwickelt, die ihre Lebensqualität verbessern soll. Mehr...

Design
Prof'in Dr. Uta Brandes, "International School of Design" Köln, fragt danach, wie Weiblichkeit und Männlichkeit in Gegenständen verdinglicht werden. An Beispielen, wie Mobiltelefonen, Rucksäcken oder Sesseln, zeigt sie, wie sich die Zweigeschlechtlichkeit in der Gestaltung von Produkten widerspiegelt. Mehr...

Ingenieurwesen
Dr. Felizitas Sagebiel, Bergische Universität Wuppertal, hat im Rahmen des EU-Projektes "WomEng - Creating Cultures of Success für Women Engineers" untersucht, wie ein ingenieurwissenschaftliches Studium für Frauen interessanter werden kann. Sie hat festgestellt, dass es nicht die Studieninhalte sind, die Frauen davon abhalten, sondern das Studienklima und das Image einer Männerdomäne. Mehr...

Publikationen zur Frauen- und Geschlechterforschung

Von der Koordinationsstelle des "Netzwerk Frauenforschung NRW" selbst oder von seinen Mitgliedern werden eine Reihe von Publikationen herausgegeben, die die Frauen- und Geschlechterforschung in Nordrhein-Westfalen repräsentieren, aber weit darüber hinaus von Bedeutung sind.

Porträt Sigrid Metz-Göckel

Bereits mit 35 Jahren wurde Sigrid Metz-Göckel als Professorin an die Universität Dortmund berufen. Damals, 1976, war die Sozialpsychologin eine von nur drei Professorinnen und vermisste Kollegialität. "Ich kam mir vor wie ein Kamel in der Wüste, das wochenlang ohne Wasser auskommen muss. Da blieb mir gar nichts anderes übrig als Frauen um mich herum zu scharen", sagt Metz-Göckel. Die Biografie der mittlerweile emeritierten Professorin entspricht heute einem Stück feministischer Zeitgeschichte und ihr Name ist eng mit der Institutionalisierung der Frauenforschung in Nordrhein-Westfalen verbunden.

(frauennrw.de, 05.01.2010)

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