Nordrhein-Westfalen ist heute das Bundesland mit der größten Zahl von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Für mehr als jede fünfte in Nordrhein-Westfalen lebende Person gehört eine Zuwanderungsgeschichte zu der eigenen oder der familiären Identität. Zuwanderung und Integration sind damit Themen, die die Mitte der Bevölkerung berühren. Frauen nehmen im Prozess der Integration eine Schlüsselrolle ein. Sie reagieren sehr flexibel auf gesellschaftliche Veränderungen, entwickeln neue integrative Lebensentwürfe und werden zu Vorbildern für die nächste Generation. Daher ist es ein politisches Ziel, Frauen mit Zuwanderungsgeschichte in der Verwirklichung ihrer Lebensentwürfe zu unterstützen.
Die Kompetenzen und Ressourcen der Frauen mit Zuwanderungsgeschichte sind noch aus einem anderen Grund von Bedeutung: Durch ihre Familienarbeit, Kindererziehung und soziale Vernetzung nehmen sie im Prozess der Integration eine Schlüsselrolle ein. Inzwischen gibt es Projekte zur Sprachförderung, die bei den Frauen ansetzen, z. B. "Stadtteilmütter". Auch für die Gesundheitsberatung werden Frauen mit Zuwanderungsgeschichte als Multiplikatorinnen ausgebildet. Es hat sich gezeigt, dass Mädchen und Frauen sehr flexibel auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Sie entwickeln neue integrative Lebensentwürfe und werden zu Vorbildern für die nächste Frauengeneration.
Für die Integration ist es auch wichtig, Frauen mit Zuwanderungsgeschichte beim Zugang zu Ausbildung und Arbeitsplätzen zu unterstützen. Zwar verlassen mehr Mädchen als Jungen mit Zuwanderungsgeschichte die Schule mit dem Abitur. Bei den Berufsabschlüssen schneiden die jungen Frauen aber noch schlechter ab als die gleichaltrigen Männer. Weitaus mehr Frauen als Männer sind ohne Berufsabschluss. Darauf weist die Rechtswissenschaftlerin Dorothee Frings hin. Im dritten nordrhein-westfälischen Zuwanderungsbericht von Juni 2004 heißt es, dass junge zugewanderte Frauen bei der Erwerbsbeteiligung besonders schlecht abschneiden. Beim Übergang ins Erwachsenenleben greifen offenbar noch traditionelle Rollenmodelle, vermuten die Autorinnen und Autoren des Berichts.
Integrationskurse
Dorothee Frings, die die rechtlichen Rahmenbedingungen beim Zugang von Frauen mit Zuwanderungsgeschichte zum Arbeitsmarkt untersucht hat, warnt allerdings vor dem Risiko, die Arbeitsmarktintegration einseitig auf den Niedrig-Lohn-Arbeitsmarkt zu konzentrieren. Da Frauen mit Zuwanderungsgeschichte oft auf Beschäftigung angewiesen sind, um ihren Aufenthaltsstatus zu erhalten, könnten sie so in eine Dequalifizierungsspirale geraten. Positiv wertet sie die neuen Integrationskurse. Frauen waren dort 2005 zu über 60 Prozent vertreten, viele von ihnen, ohne dazu verpflichtet zu sein.
Das geschlechtergerechte Integrationskonzept der Stadt Gelsenkirchen
In die Entwicklung eines gesamtstädtischen Integrationskonzepts der Stadt Gelsenkirchen wurde die Gleichstellungsbeauftragte von Anfang an einbezogen. Schritt für Schritt werden seit 2001 Maßnahmen zu einer geschlechtergerechten Integration umgesetzt. Ein Beispiel aus der Stadtverwaltung: Bei der Einladung zu Fachkonferenzen und Arbeitsgruppen werden die Vereine und Gruppen der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gezielt angesprochen, Frauen genauso wie Männer zu entsenden. Zudem hat die Stadt verschiedene Kooperationsprojekte initiiert. Seit November 2006 werden 18 erwerbslose Frauen mit Zuwanderungsgeschichte und einer guten beruflichen Vorbildung zur Organisationsfachfrau "Gender & Diversity-Management" qualifiziert. Träger dieses Projektes ist das Frauenreferat des Evangelischen Kirchenkreises Gelsenkirchen/Wattenscheid.
Selbstorganisation von Migrantinnen
Für das Gelingen von Integration sind auch eigene Frauengruppen und -vereine von Zugewanderten von Bedeutung. Durch Bildungsangebote von niedrigschwelligen Alphabetisierungskursen über Deutschkurse bis hin zu Computerkursen, durch Angebote zu frauenspezifischen Gesundheitsfragen und Elternbildung entwickeln die Frauen mit Zuwanderungsgeschichte Sicherheit im Umgang mit Vertretungen und Institutionen der Einwanderungsgesellschaft. Auch das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e. V. in Köln wurde 1996 als Selbsthilfeprojekt muslimischer Frauen in multikultureller Zusammensetzung gegründet. Heute ist es zu einer zentralen Anlaufstelle für Frauen mit Zuwanderungsgeschichte geworden.
Weitere Beiträge zum Thema
finden Sie im Kapitel "Herausforderung Integration" (S. 429 - 541) des Handbuchs "Demografischer Wandel. Die Stadt, die Frauen und die Zukunft", das vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen 2006 herausgegeben worden ist.
(frauennrw.de, 22.7.2009)