Die Städte sind die Orte, an denen sich das Alltagsleben abspielt: hier wohnen die Menschen, hier arbeiten sie, hier pflegen sie ihre Beziehungen und vergnügen sich bei Spiel, Sport und kulturellen Aktivitäten. Im städtischen Raum, wo viele Menschen zusammenleben, sind die demografischen Veränderungen heute schon spürbar. Schulen und Kindergärten müssen schließen oder neue Funktionen erfüllen, der Bedarf nach betreutem Wohnen steigt. Die Bevölkerungsstruktur der Zukunft müssen die Kommunen bei ihren Planungen mit bedenken.
Wie dies funktionieren kann, zeigt das Beispiel der Stadt Bielefeld. Dort wurde 2004 beim Oberbürgermeister die Stabsstelle "Demografische Entwicklungsplanung" eingerichtet. Die Aufgabe der Demografiebeauftragten Susanne Tatje ist es, zu untersuchen, welche Auswirkungen der demografische Wandel auf Bielefeld hat und Vorschläge zur "Umsteuerung" zu entwickeln. Im August 2006 hat der Rat der Stadt ein Gesamtkonzept mit demografiepolitischen Zielen für Bielefeld verabschiedet. Zu diesen gehört unter anderem "Wir fördern Integration!", "Wir werden die familienfreundlichste Stadt in NRW!" und "Wir wohnen zukunftsfähig!". Tatje ist davon überzeugt, dass kommunale Familienpolitik in Verbindung mit einer attraktiven Wirtschaftsförderungspolitik die Entwicklung demografischer Prozesse günstiger gestalten kann.
Die Anpassungen in den Kommunen an die sich ändernden Bevölkerungsstrukturen und die Neuausrichtung von Stadt- und Infrastrukturentwicklung bieten Chancen für Frauen, ihre Forderungen zu vertreten: etwa die nach einer Verkehrspolitik, die die komplexe Alltagsmobilität von Frauen berücksichtigt. Die Professorin und Expertin für feministische Verkehrsforschung Christine Bauhardt weist darauf hin, dass die Bedürfnisse, die sich aus der langsamen Fortbewegung bei der Betreuung und Begleitung von Kindern und Älteren ergeben, stärker berücksichtigt werden müssten. Sie geht davon aus, dass der Öffentliche Personennahverkehr auch in Zukunft von großer Bedeutung sein wird.
Wohnungen mit Arbeitsplatz
Auch bei der Planung von Wohnraum könnten die Lebensumstände von Frauen eine Rolle spielen. Ein Beispiel für demografische Veränderungen, die die Wohnarchitektur berücksichtigen sollte, nennt die Professorin für Architektur und Urbanistik Kerstin Dörhöfer: Erwerbstätige Frauen arbeiten schon heute immer häufiger von zuhause aus, weil neue Kommunikationsmedien eine Ortsunabhängigkeit geschaffen haben. Zudem sind viele Frauen im Dienstleistungssektor tätig und arbeiten als Tagesmutter, Therapeutin und Krankengymnastin in den eigenen vier Wänden. Hierfür müssten bei der Planung von Wohnungen geeignete Räume vorgesehen werden.
Beginenhöfe
Für reine Frauenwohnprojekte als Alternative zum Wohnen in heterosexuellen Paarkonstellationen plädiert die Professorin für Wohnungswesen und Raumplanung Ruth Becker. Wohnprojekte nur für Frauen könnten angesichts des Abbaus sozialer Sicherungssysteme die gegenseitige Unterstützung ermöglichen und der Isolierung und Vereinzelung entgegenwirken.
Generationsübergreifendes Wohnen in Dortmund
Der 1998 gegründete Verein "W.I.R. - Wohnen - Innovation - Realisieren - Verein für generationsübergreifendes Wohnen in Dortmund" hat mittlerweile bereits ein drittes Wohnprojekt initiiert. Ziel ist es, jungen Familien und älteren Menschen ein Zusammenleben unter einem Dach zu ermöglichen. Die ersten beiden Projekte wurden 2004 und 2006 bezogen und bieten Eigentumswohnungen an. Das dritte Projekt, das voraussichtlich 2007/2008 bezogen werden kann, wird Mietwohnungen anbieten. Dreh- und Angelpunkt der Projekte sind Gemeinschaftseinrichtungen, durch die alle am Gemeinschaftsleben teilnehmen können.
Die Kontaktstelle NEUE WOHNFORMEN der Stadt Aachen
Die Kontaktstelle, die im Juli 2006 eingerichtet wurde, regt generationsübergreifende Wohnprojekte an und unterstützt ihre Realisierung. Sie vermittelt zwischen Wohninitiativen, Investoren, Architekten und sozialen Leistungsträgern. Ziel ist es, neue Wohnformen zu schaffen, die selbstbestimmte Lebensweisen im Alltag ermöglichen.
Gender Mainstreaming bei Infrastruktur- und Stadtentwicklung
Das Zentrum Frau in Beruf und Technik (ZFBT) in Castrop Rauxel ist vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MGFFI) beauftragt worden, zwei Großprojekte im Rahmen des Strukturwandels in Nordrhein-Westfalen aus der Genderperspektive zu begleiten. Eine Architektin vom ZFBT hat die Entwicklungsgesellschaften bei der Umgestaltung der ehemaligen Industriegelände "Zollverein" in Essen und "PHOENIX" in Dortmund beraten. Durch die Genderperspektive wurden neue Qualitätskriterien für die neue Nutzung der großen Flächen entwickelt: Orientierung, Gebrauchsfähigkeit, bedarfsgerechte Infrastrukturen, subjektive Sicherheit und Nachhaltigkeit.
Weitere Beiträge zum Thema
finden Sie im Kapitel "Stadt der Zukunft" (S. 327 - 425) des Handbuchs "Demografischer Wandel. Die Stadt, die Frauen und die Zukunft", das vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen 2006 herausgegeben worden ist.
(frauennrw.de, 28.2.2007)