Bereits seit dem Babyboom im Nachkriegsdeutschland der 50er und 60er Jahre sinken die Geburtenzahlen und haben sich auf niedrigem Niveau eingependelt. In Deutschland bekommen Frauen im statistischen Durchschnitt 1,4 Kinder. Ein Geburtenrückgang ist allerdings in allen hochindustrialisierten Ländern zu verzeichnen. Laut der Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim beeinflussen vor allem zwei Entwicklungen den Kinderwunsch bei Frauen: Durch die neuen Angebote der Medizintechnologie, angefangen von den Verhütungsmethoden bis hin zur Fortpflanzungsmedizin und Pränataldiagnostik, entsteht eine Planbarkeit des Kinderkriegens. Diese Planung wird von der Arbeitswelt inzwischen auch erwartet; sie kann aber dazu führen, die Gründung einer Familie ganz zu verpassen. Und die Verbindung von Kindern und Erwerbstätigkeit ist zwar gesellschaftlich anerkannter und leichter geworden, die geforderte Flexibilität und Mobilität in der Arbeitswelt sowie zunehmend prekäre Arbeitsverträge stehen dem aber wieder entgegen.
Die Frage nach dem Kinderwunsch sollte nicht nur an Frauen, sondern auch an Männer gerichtet werden. Zunehmend sind es eher die Männer, die sich ganz von einer möglichen Vaterschaft verabschieden. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin von 2005 hat auch ergeben, dass Männer eine Elternschaft länger aufschieben als Frauen. Während kinderlose Frauen eher ein höheres Bildungsniveau haben, verfügt der größte Anteil kinderloser Männer über eher niedrige Bildungsabschlüsse.
Aufgrund der niedrigen Geburtenrate hat in Deutschland aktuell die Familienpolitik eine hohe Bedeutung. Die deutsche Familienpolitik krankt nach Meinung des Familiensoziologen Franz-Xaver Kaufmann nicht nur an einer individualistischen Lebens- und Wirtschaftsauffassung und an der Aufgabenteilung zwischen Bund und Ländern, sondern auch an den unterschiedlichen familienpolitischen Leitbildern der beiden großen Volksparteien.
Vorbild Frankreich
Gute Ansätze sieht Kaufmann in der französischen Familienpolitik, die das Ziel verfolgt Lebensphasen zu strukturieren und die unterschiedlichen familienpolitischen Maßnahmen konsequent darauf abgestimmt hat. So könnten auch in Deutschland biografische "Gelegenheitsfenster" eröffnet werden, für die Gründung von Familien sowie die Betreuung und Pflege von Kindern und Angehörigen.
Franz Xaver Kaufmann: Wie Familien zu helfen wäre (PDF-Auszug) im Handbuch "Demografischer Wandel. Die Stadt, die Frauen und die Zukunft", hrsg. vom MGFFI NRW, Düsseldorf 2006 (S. 117 - 124
Der Frage, welche Auswirkung die verstärkte Integration von Frauen und Müttern auf die Ernährung in den Familien hat, geht die Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts, Uta Meier-Gräwe, in ihren Forschungen nach. Eine deutlich stärkere Beteiligung der Männer und Väter bei der Vorbereitung des Essens ist nicht festzustellen. Die Beköstigung fällt nach wie vor überwiegend in den Zuständigkeitsbereich der Frauen. Untersuchungen über die Zeitverwendung haben allerdings ergeben, dass Frauen den Zeitaufwand für die Vor-, Zu- und Nachbereitung des Essens reduziert haben. Dagegen ist die Zeit, die die Familien mit dem Essen selbst verbringen, gestiegen, wie der Ernährungsbericht 2004 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ergeben hat. Damit die Organisation des Essensalltags vor dem Hintergrund zunehmender Erwerbstätigkeit beider Elternteile und der bislang starren Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen bewältigt werden kann, sollte nach Meier-Gräwe eine Frühstücks- und Mittagessenversorgung in Kindertagesstätten und Schulen eingeführt werden. Sie müsste Teil eines umfassenden Betreuungs- und Bildungsverständnisses sein.
Die Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren
Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen baut Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren aus. Sie sollen Knotenpunkte in einem Netzwerk werden, das Kinder betreut und fördert und Familien berät und unterstützt. Von ihnen ausgehend sollen auch die Betreuungsangebote für unter Dreijährige ausgebaut werden. Im Mai 2006 wurden 251 Piloteinrichtungen ausgewählt. Sechs Einrichtungen, die schon sehr weit entwickelt sind und zum Teil wissenschaftlich begleitet wurden, dienen als Best Practice-Beispiele. Im Juni 2006 begann das Institut für soziale Arbeit (ISA) in Münster als Projektmanagement tätig zu werden. Ziel des Projektes ist es, Standards für zukünftige Familienzentren zu entwickeln. Die Piloteinrichtungen erhalten individuelle Begleitung und Beratung, die Leiterinnen und Leiter der Kindertageseinrichtungen werden fortgebildet, zum Beispiel in Management, Sprachförderung, Schutz bei Kindeswohlgefährdung und Gesundheitsvorsorge.
Das Familien-Projekt der Stadt Dortmund
In Dortmund ist das Familienprojekt Bestandteil einer kommunalen Handlungsstrategie, mit dem die Attraktivität des Wohn- und Arbeitsumfeldes gesteigert werden soll. Das Projekt entstand im Rahmen eines Leitbildes zur Familienpolitik, das der Rat der Stadt im September 2002 beschlossen hat. Parallel wurde ein familienpolitisches Netzwerk eingerichtet, dem Vertreter und Vertreterinnen aus den Bereichen Bürgerschaft, Politik und Verwaltung angehören. Laut des Projektverantwortlichen bei der Stadt Dortmund, Rainer Möller, wird mit dem Projekt unmittelbar auf die Problemstellungen des demografischen Wandels reagiert, denn sein Ziel ist die Weiterentwicklung familienfreundlicher Strukturen in den Bereichen Bildung und Betreuung, Erziehung und Beratung, Kultur, Sport und Freizeit sowie Leben und Wohnen. Bereits zum Schuljahr 2005/2006 ist es gelungen, das Angebot an Ganztagsplätzen im Primarbereich zu vervierfachen. Zu Beginn des Jahres wurden Familienbüros in allen Dortmunder Stadtteilen eingerichtet. Sie dienen als allgemeine Anlauf- und Servicestellen für alle Fragen rund um den Alltag.
Weitere Beiträge zum Thema
finden Sie im Kapitel "Zukunft Familie" (S. 87 - 158) des Handbuchs "Demografischer Wandel. Die Stadt, die Frauen und die Zukunft", das vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen 2006 herausgegeben worden ist.
(frauennrw.de, 28.2.2007)