Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
  1. Frauen NRW

Uta C. Schmidt: "Geschichte wurde immer von beiden Geschlechtern gemacht!"

Dr. Uta C. Schmidt ist ein echtes Ruhrgebietskind. Geboren und aufgewachsen in einer Arbeitersiedlung in Herne, profitiert sie als katholische Arbeitertochter von der ersten Bildungsreform. Die einzige Tochter eines Schlossers und einer Kindergärtnerin erhält die Chance, Abitur zu machen und zu studieren. Als Studienort wählt sie Bochum, das war "schön nah an zuhause." Sie hat zwar eine eigene Wohnung, doch die Oma wohnt gegenüber und hat ein Auge auf sie. "So ist das, wenn man sich als einzige Tochter auf den Weg in Bereiche macht, die jenseits der bisherigen Erfahrungswelt der Familie liegen", schmunzelt sie.

Was hinter Wissen und Wahrheit liegt

In Bochum studiert Uta C. Schmidt Geschichte, Kunstgeschichte und Publizistik, macht einen kurzen Schlenker an die Universität in Hamburg und kehrt dann der Liebe wegen nach Bochum zurück. Ihr damaliger Lehrer, Professor Jörn Rüsen, bringt ihr bei, wie Wissen und Wahrheit konstruiert sind und was dahinter liegt. Schon bald hinterfragt die junge Akademikerin, warum keine Frauen in der Geschichtswissenschaft vorkommen. Ihre Doktorarbeit schreibt sie über feministische Theorien in der Geschichtswissenschaft und wählt als Aufhänger Christine von Pizan und ihr Buch über die "Stadt der Frauen". "Das war der Beginn meines Weges, der mich heute zu meiner Arbeit bei "Frauen.Ruhr.Geschichte" geführt hat."

Professor Rüsen bringt seine Doktorandin mit der renommierten Geschichtswissenschaftlerin und Frauenforscherin Annette Kuhn zusammen. Uta C. Schmidt beginnt, für sie an der Universität Bonn zu arbeiten. Sie wird jüngstes Mitglied im Herausgeberinnenkreis der Zeitschrift "metis. Zeitschrift für historische Frauen- und Geschlechterforschung". Hier lernt sie Kulturwissenschaftlerinnen und Soziologinnen wie Christina von Braun, Hannelore Bublitz und Anne Schlüter kennen. Ab 1998 gibt die Wissenschaftlerin Uta C. Schmidt gemeinsam mit anderen zehn Jahre lang den "Politeia-Frauenkalender" heraus. Der Wochenkalender bringt die Biografien von Ost- und Westfrauen in die Haushalte, zeigt auf, wie viele spannende Frauen Deutschland zu bieten hat und hatte. "Über die Arbeit haben sich Freundschaften in den anfänglich noch unbekannten Osten entwickelt", erinnert sich die Kalendermacherin. Der Kalender hatte großen Einfluss auf das gegenseitige Verständnis. Doch "Politeia" polarisiert auch. Die mittlerweile verstorbene "Grande Dame" des Journalismus, Carola Stern, reagiert sehr verärgert darüber, in ein und demselben Kalender mit der Terroristin Gudrun Ensslin zu erscheinen.

Kind des Ruhrgebiets

Beruflich geht Uta C. Schmidt den Weg vieler Wissenschaftlerinnen. Sie hat verschiedene befristete Anstellungen an deutschen Universitäten, arbeitet in Bonn, Hannover, Potsdam und kehrt immer wieder ins Ruhrgebiet zurück. Irgendwann beschließt sie gemeinsam mit ihrem Mann, das Ruhrgebiet zu ihrem "echten Lebensmittelpunkt" zu machen. Sie fühlt sich als Kind dieser Region, mag den Menschenschlag. "Das Ruhrgebiet mit seiner Infrastruktur muss sich nicht vor anderen Metropolen verstecken. Es ist sehr urban hier, alles ist da und ich kann alles machen!"

Uta C. Schmidt ist auch Mutter. Ihre Söhne sind sieben und 13 Jahre alt und bescheren ihr Glück und auch Herausforderung. Glück, weil sie nicht dem Irrglauben erlegen ist, Mutterschaft und Akademikerin-Sein seien unvereinbar. "Ich bin durch meine Kinder und ihre Erziehung wesentlich klüger und reifer geworden und so froh, noch im höheren Alter die Kurve bekommen zu haben, Mutter zu werden." Die Herausforderung besteht jeden Tag darin, ihre Söhne im Sinne der Geschlechterdemokratie zu erziehen. "Das ist eine der großartigsten und gleichzeitig schwierigsten Aufgaben. Wie oft denke ich, was muss ich nur als Vorbild alles tun, damit ich sie in die richtige Richtung lenke?" Gleichzeitig hänge es nicht nur von ihr als Mutter ab, denn viele Faktoren sind dafür verantwortlich, ob Jungen kleine Patriarchen werden oder nicht.

Neben all diesen Aktivitäten findet Uta C. Schmidt seit 27 Jahren immer noch Zeit, im Blasorchester "schwarz/rot Atemgold 09" das Altsaxophon zu spielen.

Frauen sichtbar machen

Die Historikerin arbeitet seit 1992 im Arbeitskreis Frauen und Geschlechtergeschichte des "Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher" mit. Im Rahmen der Vorbereitungen für die Kulturhauptstadt 2010 entstand zunächst die Idee, eine Tagung zum regionalen Stand der Frauen- und Geschlechtergeschichte zu organisieren. Später entwickelten Uta C. Schmidt, Susanne Abeck und Marianne Kaiser vom Forum, Dagmar Kift und Olge Dommer vom LWL- Industriemuseum sowie Magdalena Drexl vom Ruhr Museum das Fraueninternetportal "Frauen.Ruhr.Geschichte". Es hat die Aufgabe, Frauen in der Geschichte des Ruhrgebiets sichtbar zu machen und gleichzeitig das Ruhrgebiet touristisch zu erschließen. "Du liest die Biografie von Ida von Bodelschwingh und machst dich anschließend auf den Weg nach Unna und Dellwig, wo sie gelebt hat."

Bevor das Portal am 7. März diesen Jahres online geschaltet wurde, bewältigt Uta C. Schmidt einen riesigen Berg an Arbeit. Sie kümmert sich um die aus vielen Töpfen gespeiste Finanzierung - einen Anteil daran übernimmt die Landesregierung Nordrhein Westfalen.

Parallel initiiert sie viele Netzwerke, um an Informationen über interessante Ruhrgebietsfrauen zu gelangen. Sie kontaktiert Gleichstellungsbeauftragte, verhandelt mit Archiven, redet mit Frauen aus Frauengeschichtsgruppen. Sie fährt in Orte, an denen historische Frauen gelebt haben, besucht Museen und führt Interviews mit Zeitzeuginnen.

Seit dem Beginn des Jahres 2010 wird "Frauen.Ruhr.Geschichte" fortlaufend mit Biografien, Forschungsüberblicken, Literaturlisten, Informationen und Veranstaltungshinweisen "gefüttert" - und Uta C. Schmidt hofft natürlich, dass sich darüber hinaus langfristig Sponsoren finden. Ihre Antwort darauf, warum die weibliche Perspektive in der Geschichtsforschung wichtig und unverzichtbar ist, lautet: "Geschichte wurde immer von beiden Geschlechtern gemacht, doch der Blick war stets auf die große Politik gerichtet. Da die Aktivitäten von Frauen angeblich immer im Privaten stattgefunden haben, sind sie, der Trennung von öffentlich und privat folgend, als nicht bedeutet für die geschichtliche Entwicklung gewertet worden. Doch über die (eher Frauen betreffende) Frage, was Arbeit ausmacht, wie sich Familie organisiert, was privat und was öffentlich ist, kommt ein anderes und umfassenderes Wissen über die Vergangenheit zutage", erklärt die leidenschaftliche Historikerin. Mit frauentouristischem Blick weist sie darauf hin, dass einige deutsche Frauenrechtlerinnen der ersten deutschen Frauenbewegung ihre Wurzeln im Ruhrgebiet haben. Mathilde Franziska Annecke aus Sprockhövel schaltete sich mit dezidierten frauenpolitischen und feministischen Positionen in die 1848-Revolution ein. Die Frauenwahlrechtlerin Minna Cauer arbeitete als Lehrerin in Hamm und Gertrud Bäumer startete als 19jährige Junglehrerin in Kamen.

Wenn Uta C. Schmidt über diese Frauen spricht, leuchten ihre Augen. "Geschichte hat für mich etwas mit der eigenen "Geschichtlichkeit" zu tun, zeigt, dass ich selber ein historisches Wesen bin." Sie hofft, dass das Portal vielfältige Beschäftigungen mit der Geschichte der Region anregt.

(frauennrw.de 08.04.2010)

Lesben

img_marginalie_lesben

 

Beratungsstellenfinder

Karte_NRW