"Fangen Sie ruhig gleich an, wir haben ja nicht so viel Zeit", begrüßt mich die erfolgreiche Reiterin Ingrid Klimke am Telefon. Gerade ist sie vom ersten morgendlichen Galopptraining mit den Pferden zurück. Ingrid Klimkes Stimme klingt wie die einer souveränen und sehr resoluten Frau. Doch gleichzeitig wirkt sie heute Morgen auch etwas außer Atem. Kein Wunder, ist ihr Terminkalender doch in diesen Wochen besonders prall gefüllt. Die Vorbereitungen auf Peking 2008 laufen auf Hochtouren. Soeben haben sie und ihr Pferd Braxxi die letzte Hürde genommen: Beim CHIO in Aachen fand die endgültige Sichtung zur Aufstellung der deutschen Reit-Nationalmannschaft für die Olympischen Spiele statt. Für die 40-Jährige ist es die dritte Olympianominierung in Folge.
"Ich konnte eher Reiten als Laufen", erinnert sich die Tochter des erfolgreichen Dressurreiters Reiner Klimke. Von Kindesbeinen an hatten Ingrid Klimke und ihre beiden Brüder Kontakt mit Pferden. Zu einer Karriere im Reitsport habe sie sich durch ihr Elternhaus nie gedrängt gefühlt. "Vielmehr war es durch den immer spielerischen Kontakt, den wir zu den Tieren hatten, auch ein spielerisches Hineinwachsen in die Karriere", sagt die Reiterin. Seit ihrer Jugend startet sie in den drei Disziplinen Dressur, Springen und Vielseitigkeit. "Aus der Vernunft heraus" absolvierte sie zunächst eine Lehre zur Bankkauffrau und begann anschließend ein Lehramtsstudium Primarstufe. Während des Referendariats stellte sich allerdings heraus, dass sich professionelles Reiten und ein Lehrerjob zeitlich einfach nicht vereinbaren lassen: "Schließlich beginnen die meisten Turniere schon am Donnerstag." Ingrid Klimke brach ihr Referendariat ab und machte ihr Hobby, das sie während Ausbildung und Studium leidenschaftlich weiter betrieben hatte, zum Beruf.
Ihre ersten Erfolge im Vielseitigkeitsreiten, bestehend aus den drei Teilprüfungen Dressur, Gelände und Springen, verbuchte Klimke, als sie 1991 Doppel-Bronze bei den Europameisterschaften der Ländlichen Reiter in Flüynge/Schweden holte. Als sie 1999 erstmals den Deutschen Meistertitel in der Vielseitigkeit gewann und diesen Erfolg in den beiden darauffolgenden Jahren wiederholte, hatte sie längst Anschluss an die deutsche Reitspitze gefunden. Ihr bisher erfolgreichstes Pferd ist der Vollblüter Sleep Late. Seinen wohl größten Erfolg in der Vielseitigkeit feierte das Paar 2006 bei der WM in Aachen mit dem Mannschaftsgewinn der Goldmedaille. Der Nachfolger von Sleep Late ist seit diesem Jahr der elfjährige Hannoveraner FRH Butts Abraxxas, mit dem sie nach dem CHIO Aachen vom Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) für die Olympischen Spiele nominiert wurde. Auch in der Dressur war die Reiterin bereits erfolgreich: So konnte sie etwa 2006 auf Damon Hill die WM der sechs-jährigen Dressurpferde für sich entscheiden. Neben ihrer sportlichen Karriere publizierte sie mehrere Bücher und einen Film zu Pferdeausbildung und -training. Außerhalb der Turniersaison hält sie darüber hinaus als Dozentin diverse Seminare und Lehrgänge rund um den Reitsport im In- und Ausland ab.
Seit 1998 betreibt sie einen Ausbildungs- und Turnierstall mit zehn Pferden. Mit ihren Nachwuchspferden nimmt sie regelmäßig erfolgreich am Bundeschampionat und am Nürnberger Burgpokal teil. Besonders wichtig für den Erfolg von Reiterin und Pferd ist es ein gutes Vertrauensverhältnis aufzubauen, weiß Klimke. Es seien mit die schönsten und berauschendsten Momente in ihrer Reiterkarriere, mit dem Pferd zusammenzuwachsen und schließlich eine solche Einheit zu bilden, dass sie mit blindem Vertrauen eine Prüfung mit den schwierigsten Hindernissen absolvieren kann. Es sind aber nicht immer nur Turniererfolge, die große Glücksgefühle bescheren. Manchmal reicht es schon, dass eines ihrer Pferde den nächsten Ausbildungsschritt bewältigt hat. Ihre Selbstständigkeit, den Freiraum und ihre Arbeit mit den Pferden, empfindet Klimke insgesamt "als eine große Bereicherung". "Es ist schon ein unglaublich spannendes Leben, aber es erfordert eben auch eine unglaubliche Flexibiliät", sagt Klimke.
Ihre Selbstständigkeit und das Privatleben unter einen Hut zu bekommen, erfordert einiges an Organisationstalent. Dabei unterstützt sie mittlerweile ein Team von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ihr in Büro und Stall den Rücken stärken. "Man muss sich einfach jeden Tag einen genauen Plan machen", weiß Klimke. "Und das Wichtigste dabei: Auch die freie Zeit wird in den Kalender eingetragen." Manche dieser eingetragenen Freiräume wollen allerdings rigoros erkämpft werden. Wie zum Beispiel der Besuch im Zoo mit Tochter Greta an diesem Nachmittag. Da kamen wieder einmal im letzten Moment noch zwei, drei andere Termine dazwischen. "Aber es bleibt dabei: Mein Handy ist heute Nachmittag aus", sagt Klimke bestimmt. Wenn aber trotzdem alles einmal zu viel wird, lässt sich Klimke bei einem langen Ausritt einfach den Wind um die Nase wehen. "Ich weiß, was mir gut tut und wie ich wieder Kraft tanken kann."
Nach den ersten zehn Jahren Selbstständigkeit überlege sie natürlich schon, wie sie die nächsten zehn Jahre verbringen möchte, sagt Klimke. Die nächsten Jahre sollen vor allem mehr Zeit zum Reiten und für die Pferde mit sich bringen, weniger möchte Klimke sich mit Organisatorischem beschäftigen. Auch deswegen hat sie im Herbst, zum Saisonende, erst einmal keine Seminartermine vereinbart. Außerdem gibt es da auch noch das Haus, dass sie sich mit ihrem Mann gekauft hat und das eingerichtet werden will. Und noch etwas steht in diesem Herbst an: Tochter Greta kommt in die Schule. Das wird Folgen für den Tagesablauf von Ingrid Klimke haben: "Donnerstags auf Turniere fahren und Greta einfach mitnehmen, das wird bald wohl nicht mehr so einfach möglich sein."
Anmerk. der Redaktion:
Inzwischen hat Ingrid Klimke bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking mit ihrer Mannschaft die Goldmedaille im Vielseitigkeitsreiten gewonnen.
Foto ©: Julia Rau
frauennrw.de, 17.07.2008