Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
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Jawahir Cumar: "Wenn nicht ich meinen Mund aufmache, wer soll es dann machen?"

Die Büroeinrichtung von Jawahir Cumar in Düsseldorf weckt Assoziationen an Afrika. Bunte Kissen auf dem üppigen einladenden Sofa, dunkle Holzskulpturen, ein niedriger Tisch und farbenfrohe Teppiche und Bilder sollen den meist afrikanischen Besucherinnen und Besuchern ein Stück Heimat vermitteln. Heimat und damit vielleicht auch einen Vertrauensvorschuss, denn Jawahir Cumar ist seit dreizehn Jahren mit einem brisanten Thema "unterwegs". Die Leiterin von "stop mutilation" berät und begleitet von Genitalverstümmelung betroffene oder bedrohte Mädchen und Frauen.

Diese grausame Art der Körperverletzung war bis vor kurzem in Deutschland ein wenig beachtetes und tabuisiertes Thema. In der afrikanischen "Community" hierzulande ist dieser "Brauch" je nach Nationalität nach wie vor üblich. Die Mädchen werden dafür in den Sommerferien nach Afrika gebracht und dort verstümmelt. Alternativ lassen mehrere Familien gemeinsam eine Beschneiderin aus dem Heimatland nach Deutschland einfliegen.

Beschneidungsquote in Somalia liegt bei 98 Prozent

Genitalverstümmelung von Mädchen ist in vielen afrikanischen Ländern eine kulturelle Selbstverständlichkeit und zieht sich durch jede Religionszugehörigkeit. Unbeschnittene Mädchen gelten als unrein, schmutzig und nicht auf dem Heiratsmarkt vermittelbar. In Jawahir Cumars Heimat Somalia liegt die Quote bei 98 Prozent, ebenso im Sudan. In Ägypten und Kenia sind es 60 Prozent. Sie selber wurde mit fünf Jahren von der Großmutter zur Beschneidung in eine Klinik gebracht und leidet bis heute an den zahlreichen Folgen. Die Art und Weise der Verstümmelung variiert. Häufig werden die Klitoris sowie die kleinen und großen Schamlippen komplett entfernt und die Vulva bis auf eine erbsengroße Öffnung zusammengenäht. Die hygienischen Umstände sind katastrophal, die Eingriffe werden teils mit Rasierklingen oder Glasscherben ausgeführt. Viele Mädchen verbluten dabei. Die Trauer eines ganzen Dorfes über ein verblutetes kleines Mädchen war auch der Auslöser für Jawahir Cumar, sich zu engagieren. Sie konnte es fast nicht glauben, als sie bei einem Familienbesuch in der Heimat bei der Beerdigung dieses Mädchens erfuhr, dass der "Brauch" der Beschneidung nach wie vor Alltag nahezu aller Mädchen und Frauen ist.

Sich nicht einschüchtern lassen

Die 33jährige Somalierin ist eine ausgesprochen couragierte Frau, und Courage braucht sie, wenn sie unermüdlich versucht, afrikanische Eltern in Nordrhein-Westfalen, aber auch in ganz Deutschland, davon abzubringen, ihre Töchter verstümmeln zu lassen. Sie setzt zunächst auf aufklärende Gespräche, droht aber im Notfall auch mit Entzug des Sorgerechts per Jugendamt. Neben Interesse bläst ihr auch harter Wind ins Gesicht, denn sie erhält regelmäßig Drohanrufe, Beschimpfungen, E-Mails und böse Briefe. Das ist nicht einfach für sie, doch sie versucht es auszuhalten und ohne Angst zu bleiben. "Jedes Mädchen, das gerettet wird, ist es wert, sich nicht einschüchtern zu lassen", ist sie überzeugt.

Jawahir Cumar hat ein breites Netzwerk gespannt, um über die Problematik der Genitalverstümmelung zu informieren. Unter anderem spricht sie im Dachverband der afrikanischen Vereine in Nordrhein Westfalen. Dort trifft sie hauptsächlich auf Männer, die sich immer wieder überrascht zeigen, dass afrikanische Frauen beschnitten werden. "Sie dachten bisher, die Frau sei von Natur aus so eng gebaut", erzählt Jawahir Cumar. In Afrika ist es üblich, dass Frauen so lange bis auf die erbsengroße Öffnung zugenäht bleiben, bis sie heiraten. Wenn sie Glück haben, erlaubt ihnen der Mann die "Eröffnung" in einer Klinik. Viele Männer erledigen diesen Akt jedoch selbst mit einem Messer oder einer Rasierklinge. Die agile "stop mutilation" - Mitarbeiterin geht auch regelmäßig in nordrhein-westfälische Schulen und zeigt den Film "Bokokoli - Mädchenbeschneidung in Mali". "Filme sind ein geeignetes Medium, um Jugendliche an das Thema heranzuführen und sie emotional dafür zu öffnen", ist die Erfahrung von Jawahir Cumar.

Das eigene Schicksal ist immer mit dabei

Auch Jawahir Cumar hat mehrere Operationen hinter sich gebracht und weiß sehr genau, wie viele Schmerzen und Einschränkungen eine Genitalverstümmelung mit sich bringt. Bei ihren Vorträgen, während ihrer Einzelberatungen und bei ihren öffentlichen Auftritten ist ihr eigenes Schicksal immer mit dabei. "Ich müsste Schauspielerin sein, um das abtrennen zu können. Und es tut gut, darüber zu sprechen. Mit Schweigen kommen wir nicht voran. Wenn nicht ich meinen Mund aufmache, wer soll es dann machen?" Im Rahmen von "stop mutilation" führt die alleinerziehende Mutter von drei Kindern täglich mehrere Beratungsgespräche mit Frauen, die selber Probleme mit ihrer Verstümmelung haben oder Hilfe für ihre bedrohten Töchter suchen. Eine Reihe von speziell ausgebildeten Mitarbeiterinnen begleiten die Afrikanerinnen in gynäkologische Praxen. Dort stehen sie ihnen menschlich und sprachlich bei, weil sich viele Frauenärztinnen und -ärzte kaum mit der Problematik und fachgerechten Behandlung genitalverstümmelter Frauen auskennen. Mittlerweile arbeitet "stop mutilation" mit mehreren entsprechend sensibilisierten Praxen zusammen.

Neben der Arbeit in der Beratungsstelle betreibt Jawahir Cumar ein Dolmetscherinnenbüro. In Afrika existieren rund 2.000 Sprachen, und sie erweitert ständig das Netz ihrer freiberuflichen Dolmetscherinnen. Angefragt wird sie in Nordrhein-Westfalen und teilweise bundesweit - von der Polizei, dem Bundesgrenzschutz, den Gerichten, um eine geeignete Dolmetscherin zu finden. Häufig werden illegal eingereiste Personen nachts aufgegriffen, und so klingelt ein bis sechs Mal die Woche oft nachts zwischen eins und drei Uhr das Telefon bei Jawahir Cumar. Sie vermittelt dann die entsprechende Dolmetscherin in der gewünschten Sprache, was gerade für traumatisierte Frauen wichtig ist. Doch auch in Krankenhäusern hat sich die Qualität ihrer Arbeit herumgesprochen. Bei Operationen ist eine gute Dolmetscherin bei den Einverständniserklärungen und Narkosevorbereitungen unverzichtbar.

Engagement in Somalia

Das Engagement der mutigen Düsseldorferin für die Unversehrtheit von Mädchen und Frauen wirkt auch in ihrer Heimat Somalia. Unter Federführung von "stop mutilation" und Jawahir Cumar sind dort eine Schule und ein Krankenhaus entstanden. Seit in Somalia Bürgerkrieg herrscht, werden fast nur noch Jungen auf Privatschulen geschickt. In Jawahir Cumars Schule sitzen 700 Mädchen und 300 Jungen gemeinsam auf der Schulbank. Die Mädchen werden kostenlos unterrichtet - ihre meist alleinerziehenden Mütter mussten sich im Gegenzug verpflichten, die Tochter nicht beschneiden zu lassen. Die Jungen lernen ab der ersten Klasse, dass es normal und gut ist, später eine unbeschnittene Frau zu heiraten.

In der bereits fertig gestellten Frauenklinik können demnächst Frauen in sechs Kreissälen gebären. Bringen sie eine Tochter zur Welt, wird ihnen dann sofort "kostenlose Schulausbildung gegen Unversehrtheit" angeboten werden. Außerdem können sie sich dort unter medizinisch guten Bedingungen "eröffnen" lassen. Die Klinik ist einzigartig in Somalia, zur Inbetriebnahme fehlt "nur" noch die Sicherung der jährlichen Betriebskosten. Ein Sponsor, der diese Kosten für zehn Jahre übernehmen wollte, ist kurzfristig abgesprungen. Doch Jawahir Cumar und ihr Netzwerk arbeiten mit aller Kraft daran, bald die Klinik öffnen zu können.

Zeit für sich ganz allein hat sie fast nie. Nur sehr selten gönnt sie sich ein verlängertes Wochenende in Holland oder London bei Freunden, an dem sie nicht ihre E-Mails abruft und Tag und Nacht bereit steht, um zu helfen. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass ihr Dolmetscherinnenbüro noch bekannter wird. Ihr größter Herzenswunsch jedoch ist ganz klar: "Ich wünsche mir, dass keine Mädchen in der Welt mehr beschnitten werden, dass alle Mädchen unversehrt bleiben!"

(frauennrw.de 14.01.2010)

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