Noch ziemlich genau erinnert sich Nina K. Matthies daran, wie sie vor vier Jahren dem Expert/-innen-Team bei ihrer Bewerbung um den Unternehmerinnenbrief NRW gegenübertrat. Zwei ihrer Bilder unter den Arm geklemmt, hatte die damals 29-Jährige genau zehn Minuten Zeit, um dem Gremium ihr Unternehmenskonzept schmackhaft zu machen. "Die Atmosphäre, die Männer und Frauen vor ihren Kaffeetassen und die Kleidung, die ich an diesem Tag trug - alles steht mir noch deutlich vor Augen", erinnert sich die gelernte Diplom-Grafikerin und freie Künstlerin. Die lebenslustig und aufgeschlossen wirkende Frau gibt heute allerdings auch unumwunden zu, dass sich ihr Selbstbild schwerlich mit ihrer Vorstellung von einer typischen Unternehmerin in Einklang bringen ließ.
Dass Nina K. Matthies jedoch das Zeug zur Selbstständigkeit hat, davon waren die Vertreter/-innen aus Banken, Kammern, Beratungsinstitutionen und der Wirtschaft nach ihrer Präsentation zweifelsfrei überzeugt. Als eine der ersten Frauen wurde sie 2003 mit dem Unternehmerinnenbrief NRW ausgezeichnet. Ihr Konzept der Firmenkunst erschien den Experten wirtschaftlich, erfolgsversprechend und vor allem innovativ. Die gebürtige Münchnerin kombiniert Kunst, Werbung und Wirtschaft zu einer ansprechenden Unternehmensidee, indem sie Betrieben eine Gestaltung ihrer Räumlichkeiten mit den eigenen Farben und Logos anbietet. Ihre Malerei ist darüber hinaus vielfältig nutzbar und kann später auch für den Druck von Weihnachtskarten, Kalendern oder für die Gestaltung von Broschüren eingesetzt werden. "Das durch die Verleihung des U-Briefs erworbene neue Selbstverständnis als Unternehmerin war mein größter Gewinn", sagt Matthies heute.
Schon seit dem Ende ihres Studiums 1998 gestaltete Matthies in München nebenberuflich Privat- und Geschäftsräume. Zunächst waren es hauptsächlich Kinderarztpraxen, Cafés und Räumlichkeiten in kleinen Familienbetrieben, denen sie einen künstlerischen Anstrich verpasste. Erst einige Jahre später entwickelte sich dann im Münsterland der Schwerpunkt Firmenkunst. In diesem Zusammenhang entdeckte Matthies auch ihr Lieblingsmotiv, den Truck. "Größe und Kraft der Fahrzeuge faszinieren mich", erklärt sie ihre Leidenschaft für das Motiv mit offensichtlichem Zukunftspotential. "Die Kombination aus einer Frau, die Künstlerin ist und LKWs malt, kommt scheinbar gut an", grinst Matthies.
Darüber hinaus interessieren sich aber mittlerweile auch Kommunen im Rahmen ihres Stadt-Marketings für ihre Werbekunst. Immer wieder wird Matthies daher in letzter Zeit auch mit der Gestaltung von 'Stadtbildern' beauftragt.
Die Idee Wirtschaft und Kunst zu kombinieren stellt für Nina K. Matthies einen Kompromiss dar, der vor allem durch die Auseinandersetzungen mit dem Vater entstand. "Als ich ihm nach Abschluss meines Studiums mitteilte, dass mein Herz nicht für die Werbebranche, sondern für die freie Kunst schlägt, war da nur großes Kopfschütteln", erinnert sich Matthies. Die Tochter sollte einen Beruf ergreifen, der auch die Abdeckung des Lebensunterhalts garantierte. Auch die Mutter stand den Plänen ihrer Tochter zunächst eher skeptisch gegenüber. "Dabei war sie es, die mir schon früh beim Klamottenkauf die Komplementärfarben erklärt und ein sicheres Farbgefühl vermittelt hat", erinnert sich Matthies. Wäre da nicht dieses kleine Detail im Lebenslauf des Vaters gewesen - Matthies ist sich nicht sicher, ob sie jemals ihre Vorstellungen vom Wunschberuf durchgesetzt hätte: "Mein Vater schreibt unheimlich gerne und wollte damals Schriftsteller werden. Sein Vater drängte ihn jedoch schließlich zu einer Banklehre."
Kunst und Werbung auf eine wirtschaftliche Art und Weise zu verknüpfen, bietet Matthies finanzielle Sicherheit. Gleichzeitig ermöglicht diese Kombination jedoch im gewissen Rahmen auch Selbstverwirklichung. "Schön ist, dass mein Vater mittlerweile mein größter Fan ist", sagt Matthies mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
Als sich Matthies im Jahr 2002 entschied einer Liebe ins münsterländer "3000 Seelendorf" Enniger zu folgen, sagten ihr Eltern und Freunde den "Tod als Künstlerin auf dem platten Land" voraus. Doch soweit ließ es die dynamische und innovationsfreudige Frau nicht kommen. Sie fotografierte Firmenlogos und setze diese zunächst ohne das Wissen der Firmen in Werbekunst um. "Dann stiefelte ich direkt in die Unternehmen und bot dort die Bilder zum Kauf an."
Als Unternehmerin Fuss zu fassen war in den ersten Jahren nicht leicht. Die ständige Akquise neuer Kunden powerten die junge Frau aus. "Oft dachte ich, irgendwann geht mir die Puste aus", erinnert sie sich. Doch vor einem dreiviertel Jahr wendete sich das Blatt. Plötzlich klingelte das Telefon immer öfter ganz ohne ihr Zutun - am anderen Ende jemand, der irgendwo eines ihrer Bilder gesehen und einen Auftrag zu vergeben hatte.
Eine Stammkundschaft im Rücken und befreit von der ständigen "Jagd" nach neuen Kunden, ist Matthies nun die Möglichkeit gegeben, andere Interessen zu vertiefen. Neben Betreuung und Begleitung einer Anzahl sozialer Projekte in den letzten Jahren, absolviert Matthies zur Zeit eine Kunsttherapeutinnenausbildung, die sie im kommenden Jahr abschließen will. "Kunst ermöglicht einen direkten Zugang zu Emotionen, ohne dass der Kopf ständig dazwischen funkt", weiß die Künstlerin. Diese Art der Selbsterfahrung und -erkenntnis will sie in Zukunft auch anderen Menschen zugänglich machen.
So fügt sich nach und nach alles zu dem 'matthiesschen' Dreieck "Wirtschaft, Kunst und soziales Projekt" zusammen. "Die Kunst in ihrer Werbefunktion sichert mir mein tägliches Brot, aber erst Kunst in sozialen Zusammenhängen vermag auch mein seelisches Wohlbefinden zu steigern", erklärt Matthies.
(frauennrw.de, 23.10.2007)