Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
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Steffi Nerius: Gespannt auf die Olympischen und die Paralympischen Spiele

Für ihre konstant starken sportlichen Leistungen in den vergangenen Jahren wurde die Speerwerferin Steffi Nerius während der diesjährigen deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg mit dem Rudolf-Harbig-Preis ausgezeichnet. Der Preis gilt als die höchste Auszeichnung in der deutschen Leichtathletik. Mit ihren sportlichen Leistungen (61,91 m) an diesem Wochenende, an dem sie deutsche Vizemeisterin wurde, zeigte sich die ehrgeizige Sportlerin allerdings alles andere als zufrieden: "Das war Not gegen Elend."

Medaillen bei allen großen Meisterschaften

Auf ihre bisherige sportliche Karriere kann die 36-jährige allerdings beruhigt zurückblicken. Seit den Europameisterschaften 2002 in München brachte sie als einzige deutsche Leichtathletin von allen großen Meisterschaften eine Medaille heim. Für ihre herausragenden sportlichen Leistungen und ihr soziales Engagement als Trainerin behinderter Nachwuchsleichtathletinnen und -athleten wurde sie bereits mit diversen Auszeichnungen geehrt. 2006 mit dem "BMI-Preis für Toleranz und Fair Play", 2007 mit dem "Goldenen Band" und Anfang 2008 wurde ihr der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers verliehen. Als "soziales Engagement" bezeichnet Steffi Nerius ihre Arbeit aber eigentlich nicht so gerne: "Für mich ist es einfach ein normaler Job."

Mein Traum war die Sportschule

Aufgewachsen ist Steffi Nerius in Bergen auf Rügen. "Ich teilte den Traum vieler Kinder in der DDR, einmal auf eine Sportschule zu kommen", erinnert sich Nerius. In den Spezialschulen zur Förderung sportlicher Höchstleistungen erlaubte der auf Sport optimierte Stundenplan zweimal täglich Training. Ihre Eltern, beide Sportlehrkräfte und die Mutter selbst Speerwerferin, unterstützten ihre Tochter bei der Verwirklichung ihres Wunsches. Ihre anfängliche Ambition, als Volleyballspielerin aufgenommen zu werden, scheiterte, als eine ärztliche Untersuchung ergab, dass sie nicht über 1,68 Meter groß werden würde. "Das war zu klein für eine Volleyballkarriere", sagt die heute 1,78 Meter große Athletin. Doch Nerius gab nicht auf, sattelte auf den Schwerpunkt Leichtathletik um und schaffte die Aufnahme auf die Sportschule in Rostock. Kurz vorm Abitur kam die Wende. Es wurde "chaotisch" in Rostock: Trainer wurden entlassen, die Organisation hakte. Steffi Nerius bekam den Rat, "sich nach einem guten Verein im Westen umzusehen". Auf den Tipp ihrer Mitschülerin Franka Dietzsch hin, die heute selbst erfolgreiche Diskuswerferin in Nürnberg ist, bewarb sich Nerius beim TSV Bayer 04 Leverkusen.

Silber war für mich wie ein Goldwurf

So begann - zunächst noch etwas holprig - Steffi Nerius Aufstieg an die Weltspitze der Speerwerferinnen Anfang der 90er Jahre in Leverkusen. Ihr einziger großer Erfolg in den 90er Jahren blieb der Sieg beim Europacup-Finale 1995. Der Wendepunkt in ihrer Karriere war 1999 der Beginn der Zusammenarbeit mit Helge Zöllkau, der bis heute ihr Trainer ist. "In dieser Zeit bin ich wesentlich stabiler und sicherer geworden", so Nerius. Der endgültige Durchbruch zur Weltspitze kam 2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney, wo sie mit einer Weite von 64,84 Metern Vierte wurde. Am 13. August 2006 in Göteborg stand sie schließlich mit dem Gewinn der Europameisterschaft zum ersten Mal ganz oben auf dem Treppchen. Als ihren emotional aufreibendsten Erfolg hat sie jedoch Athen 2004 in Erinnerung behalten. Vor dem letzten Versuch stand sie auf Platz 4. "Dann habe ich noch einmal alles aus mir herausgeholt", erinnert sich Nerius. Das Ergebnis: Silber mit persönlicher Bestleistung. "Das war für mich wie ein Goldwurf, den ich mir immer für die olympischen Spiele erträumt habe."

Manchmal muss man etwas kreativ sein

Mit dem Wechsel des Vereins, begann Steffi Nerius 1991 ein Studium zur Diplomsportlehrerin für Rehabilitation und Behindertensport. Dieses Studium qualifizierte sie für die Stelle als Behindertensporttrainerin, die 2002 im Verein frei wurde. Seitdem arbeitet sie neben ihrer Karriere als Leichtathletin nachmittags als Trainerin. "Im Behindertensport macht man eigentlich nichts anderes als beim Training `normaler´ Sportlerinnen und Sportler - man muss nur manchmal etwas kreativer sein", weiß Nerius. Kreativität kommt etwa dann zum Einsatz, wenn zusammen mit dem Orthopäden eine spezielle Prothese für eine Sportlerin mit fehlendem Arm entwickelt werden soll, um ihr bestimmte Übungen zu ermöglichen. Über einen "ganz normalen Job" geht Steffi Nerius Engagement im Behindertensport aber letztlich doch hinaus. Als Schirmfrau unterstützt sie den seit Mai 2006 bestehenden Behindertensport-Förderverein "aclive", der möglichst vielen behinderten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten will, aktiv Sport zu treiben.

Gleich zweimal auf dem Treppchen

Steffi Nerius, die ursprünglich vorhatte, in einer ambulanten Rehapraxis zu arbeiten, hat mittlerweile festgestellt, dass sie gerne ein Ziel hat, auf das sie hinarbeiten kann. "Nicht nur als Athletin, sondern auch in meinem Job." Als Trainerin betreut sie neben Kindern von sechs bis achtzehn Jahren auch fünf erwachsene Leichtathleten. Schon 2004 fuhren zwei von ihnen mit zu den Paralympics nach Athen. Eine von ihnen war Speerwerferin Andrea Hegen, der von Geburt an der linke Unterarm fehlt. In Athen warf sie ihre persönliche Bestleistung und gewann Bronze. "Erst selbst auf dem Treppchen zu stehen und dann als Trainerin Andrea dort oben zu sehen, das war emotional schon sehr intensiv", erinnert sich Steffi Nerius an dieses besondere Ereignis. Auch in diesem Jahr geht es für die 22-jährige Andrea Hegen zu den Paralympics nach Peking. Da jedoch eine Schulterverletzung die Saisonvorbereitungen beeinträchtigt hat, könnte es mit einer Medaille bei diesen Spielen etwas schwieriger werden. Da hat der kleinwüchsige Kugelstoßer Mathias Mester, der ebenfalls von Steffi Nerius trainiert wird, schon bessere Chancen: Er gilt unter den 13 nominierten Sportlern aus Leverkusen als der aussichtsreichste Goldmedaillenfavorit.

Noch einmal etwas weiter werfen

Gerade ist Steffi Nerius 36 Jahre alt geworden. Gibt es noch etwas, was sie in ihrer Karriere erreichen möchte? 70 Meter wolle sie einmal werfen und eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen oder einer Weltmeisterschaft gewinnen, ist auf ihrer Homepage zu lesen. Das seien jedoch weniger festgesetzte Ziele als kleine Träume, gibt Nerius zu. "Wenn man meine Erfolge sieht, also wenn man rein nach den Medaillen geht, dann bin ich eigentlich damit soweit ganz zufrieden", resümiert Nerius. Nach 23 Jahren Leistungsport melde sich außerdem langsam der Körper und mache deutlich, dass es ihm mittlerweile reicht. Als jahrelange Inhaberin des Deutschen Meistertitels (2001-2006) wurde sie mittlerweile von Christina Obergföll abgelöst. Trotzdem sei da immer noch das Gefühl, dass sie "noch etwas weiter werfen" könne. Wir drücken auf jeden Fall die Daumen.

Links:

frauennrw.de, 17.07. und 27.08.2008

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