Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
  1. Frauen NRW

Turnen

Der Deutsche Turner-Bund (DTB) ist der Sportverband, in dem die meisten Mädchen und Frauen organisiert sind: rund 3,5 Millionen betreiben dort Turnen, Gymnastik, Breiten- Freizeit- und Gesundheitssport. Das entspricht 70 Prozent der Vereinsmitglieder. Doch die Frauen mussten sich diesen Platz erst erkämpfen. In seinen Anfängen war das Turnen eine reine Männersportart.

Als "Turnvater" Friedrich-Ludwig Jahn 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz in Berlin errichtete, ging es ihm darum, junge Menschen durch "Leibesübungen im Freien zu ertüchtigen" und ihnen dabei eine nationale und patriotische Erziehung zukommen zu lassen. Er verfolgte auch ein militärisches Anliegen. Die Leibesübungen im Freien waren daher ausschließlich für Männer gedacht. Zum Durchbruch des Turnwesens mit der Gründung vieler Turnvereine kam es aber erst in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, nachdem das zwischenzeitlich verhängte Turnverbot 1842 wieder aufgehoben worden war.

In dieser Zeit empfahlen auch immer mehr Ärzte und Pädagogen das Turnen von Mädchen - allerdings vor dem Hintergrund ihrer späteren Tätigkeit als Mütter und Hausfrauen. Die Mädchen konnten zunächst jedoch nur in privaten Turnanstalten oder in vereinzelten privaten höheren Töchterschulen turnen. Die vielen Turnvereine, die in den 1840er Jahren gegründet wurden, nahmen nur Jungen auf.

Anfänge der Frauenturnbewegung

Während das Mädchenturnen bald als Teil der Erziehung befürwortet wurde, stieß das Turnen von erwachsenen Frauen zunächst auf starke gesellschaftliche Ablehnung. Doch im liberalen Klima im Vorfeld der Revolution von 1848 gründeten sich aus einer emanzipatorischen Motivation heraus nicht nur Frauenbildungs- und -hilfsvereine, es entstanden auch die ersten Frauenturnvereine. Ihre Mitglieder wollten an der Revolution teilnehmen und sich dafür körperlich "ertüchtigen". Sie wollten erörtern, wie die Gleichstellung mit den Männern sowie der "Weltumsturz" zu erreichen sei und sich darauf durch sportliche Betätigung vorbereiten - in einer Kleidung, die ihnen völlige Bewegungsfreiheit ließ. Doch diese Frauenturnvereine überlebten das Scheitern der Revolution nicht und lösten sich Anfang der 1850er Jahre wieder auf.

Im Gegensatz dazu entwickelte sich das Mädchenturnen an den Schulen kontinuierlich weiter. Die Ziele und Inhalte mussten sich jedoch an dem herrschenden Frauenbild orientieren. "Anmut, Sanftmut, Duldsamkeit, Sittsamkeit, Liebe und Frömmigkeit sind die Elemente, aus denen die Bildung des Mädchens und der Jungfrau vollendet wird. Das darf auch bei der Gymnastik nicht übersehen werden", so der "Vater" des Mädchenturnens, Moritz Kloss.

Einen zweiten und diesmal erfolgreicheren Anlauf nahm das Frauenturnen Ende des 19. Jahrhunderts. Unterstützt wurde die Frauenturnbewegung jetzt durch die gesellschaftlichen Entwicklungen. Aufgrund der Industrialisierung und Urbanisierung veränderten sich auch Frauenrollen und Weiblichkeitsideale. Immer mehr Frauen begannen sich für das Turnen zu interessieren und traten den nun gegründeten Frauenabteilungen in den Männerturnvereinen bei. Beim Arbeiter-Turnerbund (ATB), der die Gleichberechtigung der Frau auf seine Fahne geschrieben hatte, beginnt das Frauenturnen offiziell im Jahr 1895. Bei der Deutschen Turnerschaft steht das Jahr 1897 in den Annalen. In dieser Zeit gründeten sich auch selbstständige Frauenturnvereine. Die Mehrheit der Frauen turnte allerdings in den ehemaligen Männerturnvereinen.

Die Diskussionen, die die turnenden Frauen entfachten, drehten sich insbesondere um zwei Punkte: Welche Bewegungen sind schicklich und welche Kleidung ist dabei die angemessene? Es gab vor allem zwei Hauptrichtungen des Turnens für Frauen: Die Vertreter des "weichen" Frauenturnens bevorzugten Bewegungen mit "Anmut und Grazie", vor allem Reigen mit anmutigen Gehschritten, kunstvollen Figuren in Posen und abwechslungsreichen Kostümen. In der Fortsetzung der bewährten Übungen der Männer stand das "kernige" Frauenturnen. Es sollte Kraft, Geschicklichkeit, Ausdauer und Mut fördern. Als die ersten Frauen, die so turnten, 1898 beim Turnfest in Hamburg auch Übungen an Reck und Barren zeigten, ging dies allerdings selbst fortschrittlichen Frauen zu weit.

Der Kampf um die Turnhose

Die Turnkleidung engte die Bewegungsfreiheit der Frauen lange Zeit ein. Durch den langen Rock waren sie auf wenige Übungen beschränkt. Ab und zu wurde der Versuch unternommen, den Rock zu kürzen. Um die Jahrhundertwende entbrannte dann der Kampf um die Hose. In der Öffentlichkeit, bei Turn- und Sportfunktionären und nicht zuletzt bei vielen Frauen galt sie zunächst als Tracht der Emanzipation, der leichtlebigen Musen und des Mannweibsports und wurde sehr kritisch gesehen. Der ATB übernahm auch in der Hosenfrage schließlich eine Vorreiterrolle. Zunächst setzten sich weite Pumphosen durch, später enger anliegende Hosen.

Entschieden haben über all diese Fragen in den ersten drei Jahrzehnten des Frauenturnens Männer. In den 1920er Jahren durften einzelne Frauen in den Frauenabteilungen der Turnvereine erstmals mitbestimmen. Eine Mitverantwortung für das gesamte Turnwesen wurde für Frauen jedoch erst nach 1945 mit dem Wiederaufbau der Turn- und Sportbewegung möglich. Danach wuchs der Anteil der weiblichen Mitglieder beim DTB ständig. 1960 betrug der Frauenanteil erstmals über 50 Prozent. Seit 1983 ist der DTB der frauenreichste Verband des deutschen Sportbundes.

(frauennrw.de, 18.08.2008)

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