Anlässlich der Jahrestagung des Netzwerks Frauenforschung NRW schlug die ehemalige Bundesfrauenministerin einen Bogen über 25 Jahre Frauenforschung und -politik
Rita Süssmuth mag keine Rückschauen, die nicht in Zukunftsentwürfen münden. Das sagte sie gleich zu Beginn ihres Eröffnungsvortrags bei der Jahrestagung des Netzwerks Frauenforschung NRW am 18. Januar an der Technischen Universität Dortmund. Anlässlich der 25-Jahr-Feier der Zeitschrift für Frauenforschung & Geschlechterstudien, die sie als Direktorin des Forschungsinstituts Frau und Gesellschaft mit gegründet hat, schlug sie dann auch einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft.
Vor rund 100 Frauenforscherinnen, Gleichstellungsbeauftragten und weiteren Interessierten erinnerte Süssmuth an ihre eigene Situation als Studentin vor 50 Jahren. Sie kannte keine Professorinnen, es gab keine weiblichen Vorbilder für Frauen in der Wissenschaft. Die Grundlage dafür, dass ihre Generation dann erstmals Professorinnen hervorbrachte, sei die Bildungsreform der 50er und 60er Jahre gewesen: "Ohne sie wäre ich nie Hochschullehrerin geworden."
Inhaltlich steht Rita Süssmuth auf den Schultern von Simone de Beauvoir und ihrer zentralen Erkenntnis "Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden zu Frauen gemacht". "Uns mussten erst einmal die Augen dafür geöffnet werden, wie sehr wir fremdbestimmt sind", erinnert sie sich. Und davon nimmt sie sich selbst nicht aus: "Ich war eine Spätzünderin in Sachen Feminismus, aber Spätzünderinnen haben auch noch Chancen." Doch selbst als Süssmuth 1986 die erste Frauenministerin auf Bundesebene wird, ist eine Feministin der ersten Stunde, wie Simone de Beauvoir, sowohl für Männer wie auch für Frauen noch bedrohlich. "Als ich in einem Interview zu Beginn meiner Amtszeit als Ministerin sagte, Simone de Beauvoir ist ein wichtiges Vorbild für mich, hagelte es Rücktrittsforderungen."
Nach ihrer Promotion ist Rita Süssmuth aber zunächst Wissenschaftlerin. Als Professorin für Vergleichende Erziehungswissenschaft lehrt sie in Bochum und Dortmund. Von 1982 bis 1985 geht sie dann als Direktorin an das Forschungsinstitut Frau und Gesellschaft (ifg) in Hannover. In dieser Funktion ist sie 1983 Mitbegründerin und -herausgeberin der Zeitschrift für Frauenforschung & Geschlechterstudien (ZIF&G). Als Ziel wird in der ersten Nummer der damals noch "Informationsdienst Frauenforschung" lautenden Fachzeitschrift formuliert, eine "kritische Auseinandersetzung mit allen virulenten Fragestellungen der Theorie und Praxis der Frauenforschung, Frauenpolitik und Frauenarbeit zu schaffen".
1999 muss das ifg geschlossen werden, die Zeitschrift wird jedoch durch den bisherigen Mitherausgeber Robert Schreiber in eigener Regie im Kleine-Verlag Bielefeld fortgeführt. Seit 2006 befindet sich die Redaktion an der Koordinationsstelle des Netzwerks Frauenforschung NRW. Die ZIF&G wird neben Robert Schreiber nun von Ruth Becker und Sigrid Metz-Göckel herausgegeben.
Anspruch der Frauen- und feministischen Forschung war und ist es, mittelbar auf die politischen Verhältnisse Einfluss zu nehmen. Die Dortmunder Professorin und Frauenforscherin Sigrid Metz-Göckel bezeichnete Rita Süssmuth in einem Grußwort denn auch als eine Grenzgängerin zwischen Wissenschaft und Politik, die "den Möglichkeitsraum für Frauen sehr vergrößert hat". Sie habe alte Schubladen zu und neue aufgemacht. Bei der politischen Bilanz von Frauenforschung und -politik unterstrich Süssmuth selbst die Errungenschaften auf institutioneller Ebene. So sorgten zum Beispiel die Gleichstellungsbeauftragten in den öffentlichen Einrichtungen, wie den Universitäten, für Kontinuität in der Gleichstellungsarbeit. Wichtig seien auch Netzwerke: "Früher hielt ich nichts davon, jetzt bin ich eine glühende Anhängerin", so Süssmuth.
Für Kontinuität sorgten auch die inzwischen vielen Frauen in der Politik. Von ihnen werde zwar immer noch eine hohe Anpassungsleistung an die Strukturen gefordert, sie hätten allerdings gelernt parteiübergreifend zu arbeiten, um ihre Ziele zu erreichen. Für Rita Süssmuth setzt die jetzige Bundesfrauenministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf Beständigkeit und führt die Arbeit ihrer Vorgängerin, der SPD-Frauenministerin Renate Schmidt, fort. "Sonst wären wir noch nicht so weit." Gleichzeitig stehe die Vereinbarkeit von Beruf und Familie seit 1969 auf der Tagesordnung und sei bis heute nicht erfüllt. Weit entfernt sind die Frauen laut Rita Süssmuth auch noch von einem machtvollen Einfluss auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Als große Themen, die auf der politischen Tagesordnung stehen und in die Frauen sich durch Forschung und Politik einmischen sollten, nannte sie Globalisierung, Krieg und Frieden sowie Gerechtigkeit.
(frauennrw.de, 22.01.2008)