Begründung: Witze sind Geschmacksfrage
Der Deutsche Presserat hat eine Beschwerde der Frauenberatungsstelle Düsseldorf als unbegründet zurückgewiesen. Anlass der Beschwerde waren Witze für Jungen in der Zeitschrift Bravo Girl, die aus Sicht der Frauenberatungsstelle gewaltverherrlichend und sexistisch sind. Die Begründung des Deutschen Presserats, die jüngere Generation von Frauen und Mädchen habe eine so emanzipierte und souveräne Haltung gegenüber Geschlechterrollen, dass hierin keine Diskriminierung zu sehen sei, gibt der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Mädchenarbeit in Nordrhein-Westfalen Anlass zur Sorge. Die guten Nachrichten über das wachsende Selbstbewusstsein von Mädchen und die juristischen Erfolge der Gleichstellung würden hier missbraucht, um Gewalt gegen Mädchen und Frauen zu ignorieren oder zu verharmlosen, teilte die LAG im Juli in einer Presseerklärung mit.
Ein Witz in der Zeitschrift Bravo Girl vom 28.11.2007 hatte zu zahlreichen Protesten geführt: In der Rubrik "Darüber lachen Jungs" setzt ein Mann einer Frau beim Sex eine Gasmaske auf, "weil sie damit besser aussieht und so schön zappelt, wenn ihr die Luft ausgeht". Auch die Frauenberatungsstelle Düsseldorf und die LAG Mädchenarbeit hatten gegen diese Art von Humor protestiert. Die Redaktion der Bravo-Girl hatte noch im vergangenen Jahr geantwortet: "Die heutige Generation von Mädchen und jungen Frauen ist emanzipiert, lebensfroh und selbstbewusst genug, auch über Witze mit erotischem Inhalt zu lachen." Laut Wikipedia ist die Atemkontrolle eine der gefährlichsten und extremsten sexuellen Praktiken von Dominanz und Unterwerfung.
Die Frauenberatungsstelle Düsseldorf wandte sich darauf hin an den Deutschen Presserat. Dieser entschied im März nach kontroverser Diskussion und mit knapper Mehrheit, die Beschwerde sei unbegründet. "Die Auffassung, die veröffentlichten Witze verharmlosten sexuelle Gewalt (…) teilt der Ausschuss ausdrücklich nicht", heißt es in der Begründung. Darüber hinaus schließt sich der Presserat der Argumentation der Bravo-Girl-Redaktion an (s.o.) und verweist darauf, dass er nicht über Geschmacksfragen urteile.
Sowohl die Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle Düsseldorf als auch der LAG Mädchenarbeit haben auf diese Entscheidung mit Unverständnis reagiert. "Mit Verlaub, hier geht es nicht um Sexualität, hier geht es um Verachtung." heißt es in der Stellungnahme der "frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.". Sie kündigte an, weiterhin die Augen offen zu halten und bei "derart skandalösen Medienprodukten" zu protestieren und gegebenenfalls erneut beim Presserat Beschwerde einzulegen. Die LAG Mädchenarbeit sieht in den Begründungen der Bravo-Redaktion und des Presserates die Kehrseite der neuen Mädchenbilder: immer gut drauf, stark und selbstbewusst. "In diesem Bild kommen reale Erfahrungen von Mädchen in ihrer Vielfalt nicht vor. Dazu zählt auch die Erfahrung von Gewalt. Nicht selten ziehen Mädchen daraus den fatalen Schluss, "selbst schuld" zu sein", so die Leiterin Beate Vinke. Sie fordert die Chefredakteurin der Bravo Girl auf, der Vielfalt von Mädchen Ausdruck zu verleihen.
(frauennrw.de, 04.08.2008)