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Interview: Professorin Barbara Schwarze über Frauen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik

img_Schwarze_mod_100Professorin Barbara Schwarze vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. in Bielefeld sagt: „Viele junge Frauen sind technikbegeistert. Damit sie das vermehrt auch beruflich nutzen, müssen Hochschulen und Unternehmen Rahmenbedingungen verändern.“

frauennrw.de: Frau Professorin Schwarze, warum engagieren Sie sich dafür, dass Frauen MINT-Fächer - kurz für: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik - studieren und anschließend in entsprechenden Berufen arbeiten?

Barbara Schwarze: Viele junge Frauen zeigen in der Schule gute Leistungen in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern und interessieren sich dafür. Einen technisch-naturwissenschaftlichen Studiengang ziehen sie aber für sich oft nicht in Betracht. Die Geschlechterstereotype in den Köpfen wirken hartnäckig. Zahlen belegen außerdem, dass Frauen, die MINT-Fächer studieren, anschließend vielfach in andere Bereiche abwandern, zum Beispiel den Öffentlichen Dienst. Das zeigt, dass es nicht reicht, die Rahmenbedingungen in den Studienfächern zu verändern. Auch Unternehmen müssten mehr tun und das auch kommunizieren, um für Frauen attraktiv zu sein. Im europäischen wie internationalen Vergleich schneidet Deutschland, was den Frauenanteil in MINT-Berufen anbelangt, derzeit noch weniger gut ab. Die teilweise deutlich höhere Beteiligung von Frauen in anderen Ländern zeigt, dass Frauen sich vermehrt für diese Studien- und Arbeitsbereiche entscheiden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

frauennrw.de: Wie müssen die Rahmenbedingungen aussehen, damit sich junge Frauen für ein MINT-Studienfach entscheiden?

Barbara Schwarze: Im Rahmen eines Projektes zu Frauen in MINT, dessen Ergebnisse in der neuen Broschüre „Gesucht: weiblich, motiviert, technikbegeistert“ nachzulesen sind, befragten wir Studierende sowie Verantwortliche in Hochschule und Unternehmen. Frauen möchten sich in MINT-Studiengängen und dann in den Unternehmen willkommen fühlen. Doch die Lage sieht anders aus: Die Mehrheit der MINT-Studentinnen und -Studenten ist noch immer der Meinung, dass es Frauen in diesem Bereich deutlich schwerer haben als Männer. Bereits bei der Entscheidungsfindung für ein Studienfach sind Frauen mit Aussagen konfrontiert, wie „Willst du dir das wirklich antun?“ Angesichts dieser Ausgangslage ist es nicht verwunderlich, dass es sich viele Frauen zweimal überlegen in entsprechende Branchen zu gehen. Es reicht daher nicht aus, Mädchen früh an Technik heranzuführen und Schülerinnen zum Beispiel beim Girls' Day‘ auf entsprechende Berufe aufmerksam zumachen. Wir brauchen gleichzeitig einen Kulturwandel in Hochschulen und Unternehmen. Frauen müssen ihre Kultur einbringen und leben können. Ihre Interessenlagen müssen gleichberechtigt Berücksichtigung finden. Zum Beispiel haben wir herausgefunden, dass Frauen Technik vielfach stärker im gesellschaftlichen Zusammenhang sehen und sich für ihre Nutzung interessieren. Die Ausrichtung und Benennung von Studiengängen sollte auf diese Interessen abgestimmt werden. In Unternehmen geht es zum Beispiel darum, mit einzubeziehen, dass sich Frauen oft anders darstellen als Männer. Unsere Untersuchungen zeigten auch, dass Frauen stärker als Männer auf positives Feedback angewiesen sind, um ihre eigene Leistung einzuschätzen. Auch das gilt es zu berücksichtigen. Was Frauen bei unseren Befragungen betonten ist, dass sie durch besondere Maßnahmen nicht als „Benachteiligte“ stigmatisiert werden wollen.

frauennrw.de: Laut Bericht der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz der Länder (GWK) konnte der Frauenanteil in MINT-Studienfächern seit 2000 nicht weiter gesteigert werden. Die vielen Maßnahmen, mit denen junge Frauen für diese Fächer gewonnen werden sollten, hätten nicht zu dem erhofften Verhalten bei der Wahl des Studienfachs geführt. Sehen Sie das genauso?

Barbara Schwarze: Aus meiner Sicht zeichnet der Bericht ein eingeschränktes Bild. Das liegt vor allem daran, dass immer nur der Prozentsatz der Frauen an allen Studierenden eines Faches betrachtet wird. Und dieser Prozentsatz bleibt gleich, wenn - wie geschehen - auch die Anzahl der männlichen Studierenden steigt. Mit anderen Bezugsgrößen sieht das Bild anders aus: Zwischen 2000 und 2010 stieg die Zahl der Studienanfängerinnen im Maschinenbau beispielsweise von 4.532 auf 8.639, in der Elektrotechnik von 1.368 auf 2.334 und im Bauingenieurwesen von 2.130 auf 3.805. Die Zuwächse der weiblichen Studierenden liegen in diesen Fächern damit bei 90, 70 bzw. 78 Prozent. Die Gesamtzahl der Studienanfängerinnen stieg in den letzten zehn Jahren zwar ebenfalls - aber "nur" um 42 Prozent. Das zeigt, MINT-Fächer verzeichnen einen überdurchschnittlichen Zulauf von Frauen. Das heißt nicht, dass wir diesen Trend als "Selbstläufer" betrachten können. Der GWK-Bericht zeigt auf, dass der Schwerpunkt der Aktivitäten zurzeit bei der Ansprache und Information junger Frauen liegt. Das muss stärker als bisher flankiert werden von strukturellen Veränderungen an den Hochschulen und am Arbeitsmarkt. Unsere Broschüre, die ich bereits erwähnt habe, gibt konkrete Hinweise, wie die Veränderungen aussehen können. Wir wissen nämlich eigentlich, wie es geht. Bei der Umsetzung fehlt es manchmal noch an der entsprechenden Motivation.

frauennrw.de: Wie können Unternehmen motiviert werden, Frauen aus MINT-Fächern einzustellen?

Barbara Schwarze: Für Unternehmen fehlen vielfach die Anreize, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen und Konzepte umzusetzen, um den Frauenanteil zu steigern. Im Hochschulbereich gibt es solch einen wirksamen Anreiz: Wer sein Forschungsvorhaben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert haben möchte, muss nachweisen, wie qualifizierte Frauen gefördert werden. Auch Exzellenzhochschulen können nur solche Einrichtungen werden, die belegen können, dass sie Wissenschaftlerinnen fördern. Ähnliches brauchen wir auch für die Wirtschaft. Auch hier könnte die Zusage staatlicher Fördergelder an die Umsetzung von Frauenförderprogrammen geknüpft sein. Dann machen sich auch die Unternehmen ganz pragmatisch auf den Weg.

frauennrw.de: Aber viele Betriebe müssten doch auch aufgrund des oft beklagten Fachkräftemangels ein großes Interesse daran haben, auch Frauen für sich zu gewinnen. Ist das kein wichtiger Punkt?

Barbara Schwarze: Der Fachkräftemangel könnte sich zu einem Motor der Veränderung entwickeln. Im Moment zieht er noch nicht richtig. Aus Unternehmen höre ich: „Die Frauen kommen ja gar nicht.“ Gleichzeitig hält der Mittelstand oft mit wichtigen Informationen über die Kultur in ihren Unternehmen hinterm Berg: Viele bieten zum Beispiel unterschiedliche Arbeitszeitmodelle und Möglichkeiten von Zuhause aus zu arbeiten. Das könnte sie als Arbeitgeber für Frauen und Männer mit Familienpflichten besonders interessant machen. Wenn sie solche Dinge kommunizieren, befürchten sie jedoch, ein Image als „Luxus-Arbeitgeber“ mit besonders teuren Produkten zu bekommen. Sie möchten allein über die Technik punkten. Das halte ich für zu kurz gesprungen. Längst entscheidet nämlich nicht mehr die Technik, die zumeist viele Hersteller ähnlich anbieten, allein darüber, ob Kunden sich für ein Produkt entscheiden. Die Verbindung von Technik und Design, intelligente Ergonomie und ressourcenschonende Technik aber auch Sozialstandards in den Unternehmen beeinflussen zunehmend die Kaufentscheidungen für technische Produkte und Investitionsgüter in den Unternehmen. Ein möglichst vielfältiges Team sollte auch ebenso vielfältige Frauen und Männer einbeziehen – jüngere und ältere, technikbegeisterte und interdisziplinär aufgestellte Menschen. Benachteiligte Menschen oder Frauen und Männer aus unterschiedlichen Kulturen helfen dabei, die Sicht von Kundinnen und Kunden, Nutzerinnen und Nutzern mit anderen Lebenserfahrungen und Interessen zu bedenken und nicht zuletzt auch in wirtschaftlichen Nutzen umzuwandeln.

frauennrw.de: Wenn Sie sich eine Maßnahme wünschen könnten, die bundesweit umgesetzt wird, um Frauen in MINT-Berufe zu bringen, wie sähe die aus?

Barbara Schwarze: Wir haben hier an der Hochschule in Osnabrück ein MINT-Technikum. Schulabgängerinnen absolvieren dabei ein sechsmonatiges, durch die Unternehmen finanziertes Praktikum und besuchen während dieser Zeit einmal in der Woche die Hochschule, wo sie die Vielfalt von Technik erleben. In den Unternehmen durchlaufen sie mehrere Abteilungen und setzen ein eigenes Technik-Projekt um. Danach wissen sie, was sie wollen. Und sie wissen in der Regel auch: „Ich kann das!“ Wenn alle jungen Frauen, die das wünschen, eine solche Möglichkeit bekämen, wäre das ideal. Gleichzeitig bewegt das Programm auch in den Unternehmen viel. Dort stellt man sich die Frage: „Wie wirkt unser Betrieb eigentlich auf die Frauen, die jetzt hierher kommen?“

frauennrw.de: Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Professorin Schwarze.

(frauennrw.de, 21.09.2011)

 

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